
Photo by:
Selina Port
Tomek
Koblenz / Germany/Poland
Titel:
Mobile aus Treibholz
Year:
2021 @Forestival
Wer den Wald betritt, erwartet das gewachsene Chaos, die triumphale Unordnung der Photosynthese. Doch im Unterholz des Mittelrheintals, dort, wo die Schatten das Licht der rheinischen Tiefebene filtern, stößt der Blick auf eine Irritation, die sich jeder Kategorisierung entzieht. Tomeks Mobile aus Treibholz (2021) bricht nicht mit der Natur, es infiltriert sie. Es behauptet sich im Raum nicht durch Monumentalität, sondern durch eine fast unheimliche Stille. Inmitten des wuchernden Grüns schwebt dieses Artefakt als ein stillgestellter Moment, ein kinetischer Anachronismus, der den Betrachter zwingt, den Rhythmus des eigenen Atems an die minimale Oszillation des Objekts anzupassen. Es ist kein Schock, den dieses Werk auslöst, sondern eine plötzliche metaphysische Ernüchterung: Hier wurde dem Wald ein Skelett aus fremden Gewässern eingeschrieben. Das Objekt wirkt weder verloren noch bedrohlich; es agiert vielmehr wie ein sakraler Anker in einem Meer aus Blättern, eine ordnende Hand in der entropischen Wildnis.
Die Materialität dieses Ensembles ist eine Lektion in gelebter Zeit. Tomek assembliert Treibholz – jene vom Wasser geschundenen, glattpolierten Knochen der Flora –, die eine Reise hinter sich haben, von der die umstehenden Buchen nur träumen können. Die Oberflächen changieren zwischen einem morbiden Elfenbeinweiß und silbrigem Grau, haptische Zeugnisse einer jahrelangen Erosion. Der Künstler nutzt diese verwitterten Töne als Gegenspieler zum omnipräsenten Smaragdgrün des Waldes. Während das Laub die Vergänglichkeit des Jahreszyklus feiert, repräsentiert das Treibholz die Ewigkeit der Entbehrung. Besonders brillant ist der minimale, fast chirurgische Einsatz von Zivilisationsspuren: Ein silberner Metallkarabiner bildet den Scheitelpunkt der Konstruktion. Dieser kühle, industrielle Fremdkörper fungiert als Gelenk zwischen menschlichem Gestaltungswillen und der rohen Schwerkraft. Die Aufhängung an faserigen Juteschnüren in neutralem Beige mimikriert die Ranken der Umgebung, doch die Komposition selbst – eine horizontale Hauptstange, von der vertikale Linien herabregnen – erzwingt eine geometrische Strenge, die der Natur fremd ist. Das diffuse Licht, das durch das Blätterdach bricht, erzeugt ein Chiaroscuro, das die rissigen Borkenreste und polierten Fasern nicht bloß beleuchtet, sondern sie als archaische Relikte inszeniert.
Dieses Werk ist weit mehr als eine ökologische Bricolage; es ist ein Kosmogramm der Interdependenz. Jedes Segment, jedes vom Strom gezeichnete Holzstück agiert als autonomes Individuum, das dennoch in einem rhizomatischen Netzwerk gefangen ist. Die geringste Thermik, der leiseste Luftzug im Koblenzer Forst versetzt die gesamte Struktur in eine neue Konstellation. Hier offenbart sich die Tiefenpsychologie des Werks: Es spiegelt die Fragilität menschlicher Existenzsysteme. In der zentralen Anordnung, die an eine stilisierte, fast anthropomorphe Figur erinnert, begegnen wir dem Grünen Mann der Moderne – einem Naturgeist, der aus dem Abfall der Gewässer neu zusammengesetzt wurde. Es ist ein modernes Totem, das die Grenze zwischen dem Animismus alter Kulturen und der ökologischen Sensibilität der Gegenwart verwischt. Die Schnüre sind keine bloßen Befestigungen, sie sind liminale Linien, die das Fragmentierte – die Entwurzelung des Treibholzes – in eine neue, wenn auch fragile Kohärenz überführen.
Was bleibt nach der Begegnung mit diesem schwebenden Paradoxon, das von Selina Port fotografisch festgehalten wurde? Tomek ist kein Künstler des erhobenen Zeigefingers, er ist ein Ästhet der Balance. Sein Mobile ist weder eine Anklage gegen den Zivilisationsmüll noch eine bloße Huldigung an die Waldidylle. Es ist ein Spiegel des menschlichen Egos, das versucht, im Angesicht der unbezähmbaren Natur eine Form von Ordnung zu stiften. Das Werk fungiert als Heilung durch Transformation: Das Tote, das Verstoßene wird zum Zentrum eines ästhetischen Gebets. In der Stille des Waldes lehrt uns dieses Mobile, dass Gleichgewicht kein statischer Zustand ist, sondern ein permanenter Prozess des Nachgebens und Reagierens. Es ist ein Plädoyer für eine neue Demut vor den Zyklen des Vergehens – eine existenzielle Skulptur, die uns daran erinnert, dass wir alle nur Fragmente in einem weit größeren, schwebenden Ganzen sind.
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