
Photo by:
Jonas Mueller-Arnheim
Bob and Roberta Smith
London / Great Britain
Titel:
Every Thing is Made
Year:
2021 @Forestival
Bob and Roberta Smith in Lahnstein: Das Echo der Künstlichkeit im Wald
Inmitten der dichten, atmenden Choreografie des Waldes von Lahnstein vollzieht sich ein Bruch. Hier, wo das Grün in seinen tausend Nuancen die Dominanz des Organischen proklamiert, materialisiert sich das Artefakt von Bob and Roberta Smith: Every Thing is Made (2021). Es ist keine subtile Annäherung; es ist eine Injektion. Das Schild, das unzweifelhaft den Abdruck der Galerie der Metropole trägt, sitzt auf einem entrindeten Baumstumpf – einem archaischen Podium der Vergänglichkeit. Die anfängliche Stille des Ortes wird nicht gestört, sondern moduliert. Der Fremdkörper wirkt nicht verloren, sondern beinahe wie ein unheilvolles Omen, dessen simplistische Behauptung in der Komplexität der umgebenden Flora ihre volle, subversive Kraft entfaltet. Die Materialität des Werks ist ein Akt der bewussten Provokation gegenüber der Textur des Waldes. Das Schild selbst weist eine matte, fast pappige Oberfläche auf, die jegliche Spur von Patina oder organischer Integration verweigert. Es ist ein Vektor der Kultur in ein Biotop des Werdens und Vergehens verpflanzt. Die Farbgebung verstärkt diese Dichotomie: Das gesättigte, fast giftige Primärrot und -blau der Schrift frisst sich in das diffuse, von der Baumkrone gefilterte, ozeanische Grün. Wo das Holz des Stumpfes die Epigraphik des Verfalls in seinen Jahresringen trägt – Risse, Moosbewuchs, die haptische Geschichte der Zeit – bietet die Platte eine glatte, unlesbare Oberfläche, die sich der Erosion durch das Klima zu widersetzen scheint. Dieses Plastische, Künstliche, steht im scharfen Kontrast zur Verwitterung des Fundaments, das selbst ein Zeugnis des Gemachtseins durch natürliche Prozesse ist. Das Schild hält die zentrale These in einer fast didaktischen Simplizität: Alles ist gemacht. Im Kontext des Waldes, der oft als das Gegenlager zur Zivilisation, als Raum der Ursprünglichkeit zirkuliert, wird diese Aussage zur metaphysischen Falle. Ist das Rhizom, das sich unter dem Waldboden ausbreitet, gemacht? Sind die Lichtflecken, die durch das Blätterdach perforieren, ein Produkt eines Schöpferwillens oder ein zufälliges physikalisches Ereignis? Bob and Roberta Smith demontieren die menschliche Hybris, die Natur als eine von uns unabhängig existierende Sphäre zu betrachten. Der Baumstumpf fungiert hier als liminaler Ort – die Schnittstelle, an der die Kultur das Naturverständnis konfrontiert. Das Artefakt wird zur modernen Form eines Totems, das nicht die Götter der Wildnis, sondern die allgegenwärtige, unhinterfragte Konstruktion der Realität selbst anruft. Die Intervention ist ein Test für die Wahrnehmung des Anthropozäns. Das Werk zwingt den Blick, die naiv-romantische Vorstellung vom unberührten Wald aufzugeben und ihn als ein Ökosystem zu begreifen, das ebenso sequenziert, organisiert und somit gemacht ist, wenn auch durch nicht-menschliche Agenten. Die Spannung zwischen der rohen, unkontrollierbaren Vitalität des Waldes und der kühlen, logischen Behauptung des Schildes erzeugt eine ästhetische Dissonanz, die halluzinatorisch wirkt. Am Ende steht die Feststellung: Ob durch menschliche Hand oder evolutionären Imperativ, unsere Realität, selbst die vermeintlich wildeste, ist immer ein Produkt eines Prozesses. Das Schild in Lahnstein ist der scharfe, unerwartete Spiegel, der uns die eigene Konstruktionsmacht vor Augen hält, selbst wenn wir glauben, uns vor ihr in die vermeintliche Freiheit des Waldes flüchten zu können.
See more & Follow >>>
See Also: