Dan59 – Branches

Photo by:

jpdeee/forestival

Dan59

Paris / France/Algier

Titel:

Branches

Year:

2024 @Forestival

Die Installation „Branches“ von Dan59, inmitten eines dichten Laubwaldes situiert, evoziert eine Atmosphäre archaischer Einkehr und subtiler, existenzieller Spannung. Die kunstvoll verwobene Struktur aus Ästen wirkt wie ein rituelles Portal oder eine urzeitliche Schwelle. Die dämmerige Szenerie und die bewusste Anordnung vertrauter natürlicher Elemente erzeugen ein Gefühl des „Unheimlichen“ im freudschen Sinne, in dem das Vertraute eine neue, tiefere Bedeutung annimmt.

Die formale Analyse des Werkes wird von einer meisterhaften Lichtführung dominiert. Die untergehende Sonne, als primäre Lichtquelle direkt hinter der Installation positioniert, erzeugt einen intensiven Chiaroscuro-Kontrast. Die Äste erscheinen als dunkle Silhouetten, während das Licht in einem Spektrum von Orangerot und Gelb durch die Lücken des Astgeflechts bricht. Dieses „gefilterte“ Licht dekonstruiert die Wahrnehmung von Helligkeit und Dunkelheit. Die Farbpalette ist bewusst reduziert und konzentriert sich auf den Kontrast zwischen den erdigen Tönen des Waldes und der transzendenten Wärme des Sonnenuntergangs. Die Textur der rohen, organischen Äste ist haptisch spürbar. Der Duktus des Künstlers zeigt sich in der akkumulativen und flechtenden Technik, die ein dichtes Geflecht bildet, das Fragilität und Widerstandsfähigkeit zugleich ausstrahlt. Die Komposition ist frontal und weitgehend symmetrisch, wobei die Installation von zwei massiven Baumstämmen eingerahmt wird, die den Blick des Betrachters unweigerlich in die Tiefe der Struktur und zum leuchtenden Horizont ziehen. Die Struktur selbst ist als massive, geflochtene Wand konzipiert, die eine klare räumliche Trennung markiert.

Ikonografisch fungiert die Installation als archetypische Barriere und symbolische Schwelle, die die Grenze zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten markiert. Das dichte Verweben der Äste kann als Metapher für die komplexen Verstrickungen des Lebens oder die unentzifferbaren Muster des Schicksals interpretiert werden. Die Ausrichtung auf den Sonnenuntergang symbolisiert den Übergang vom Leben zum Tod und den universellen Kreislauf von Tag und Nacht. Das Werk thematisiert die psychologische Dualität von Ordnung und Chaos, Kultur und Natur, und reflektiert die menschliche Sehnsucht nach Struktur. Philosophisch berührt es die freudsche Dualität von Eros (Schöpfungsdrang) und Thanatos (Todestrieb). Das Werk ist der Land Art oder Earth Art zuzuordnen und stellt eine site-specific installation dar. Es erinnert an Künstler wie Andy Goldsworthy und Richard Long, hebt sich jedoch durch seine psychologische Betonung der Barriere und die rituelle Ausrichtung auf den Sonnenuntergang ab, die Parallelen zu prähistorischen astronomischen Bauwerken erkennen lässt. „Branches“ ist eine tiefgründige Reflexion über existenzielle Fragen nach Vergänglichkeit und der komplexen Beziehung des Menschen zur Natur.


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