David Hardy – Forestival Eingang 2021

Photo by:

Jonas Mueller-Arnheim

David Hardy

Lahnstein / Germany

Titel:

Forestival Eingang 2021

Year:

2021 @Forestival

Urbane Sporen im Waldgeflüster: David Hardys archaische Störung

In Lahnstein, dort, wo das schützende Blätterdach dichter wird und die urbanen Echos allmählich verstummen, manifestiert sich die künstlerische Intervention von David Hardy als eine bewusste, archaische Störung. An der liminalen Schwelle zum Forestival 2021 entfaltet sich eine Szenerie, die sich der eindeutigen Kategorisierung entzieht: Sie ist weder rein natürlich noch vollständig kultiviert. Hier begegnen wir Regenschirmen – jenen urbanen Totems des Provisoriums, die üblicherweise dazu dienen, die Nässe des Metropolenlebens abzuwehren. Doch ihrer ursprünglichen Funktion enthoben, mutieren sie zu einem polychromen Flechtenwerk, das sich wie ein parasitärer Organismus am Stamm eines zentralen Baumes festsetzt. Hardy selbst beschreibt diese Platzierung als „spontan wie ein Graffiti“ – ein Fremdkörper, der mit organischer Unmittelbarkeit eine radikale Neubewertung des Geländes erzwingt. Es ist kein Müll, der hier zerfällt, sondern eine archäologische Markierung menschlicher Präsenz inmitten der silvinen Trägheit des Waldes.

Die Materialität dieser Installation offenbart ein Lehrstück in Entropie und Kontrast. Im haptischen Dialog zwischen der rissigen, erdverbundenen Rinde und dem glatten, lackierten Polyester der Schirme entsteht eine scharfe Spannung. Das Licht, das durch das Blätterdach bricht, wird von den synthetischen Oberflächen als giftiges, fast übernatürliches Leuchten zurückgeworfen. Diese Buntheit, die von Karmesinrot bis zu grellen Mustern reicht, wirkt wie das Gift der Zivilisation, das sich unaufhaltsam in das tiefe, ungesättigte Grün des Waldes ätzt. Die Schirme, nunmehr leere Hülsen, zementieren in ihrer radialen Anordnung die menschliche Sehnsucht nach Kontrolle über das Unberechenbare. Wie ein Pilz, dessen Sporen jedoch nicht biologischer, sondern kultureller Natur sind, breitet sich das Kunstwerk um den vertikalen Anker des Baumes aus. Staffagefiguren im Vordergrund definieren dabei die Maßstäblichkeit und unterstreichen die Funktion des Ortes als Transitraum, in dem das profane Wandern in die rituelle Erfahrung des Festivals übergeht.

Dabei wird die klassische Ikonografie des Regenschirms konsequent pervertiert. Stand er in der städtischen Welt noch für die Abgrenzung und das private Mikroklima gegen die Außenwelt, so wirkt dieser Schutzanspruch unter dem natürlichen Dach des Waldes vollkommen absurd. Hardy zwingt die Objekte in eine Pose der Hilflosigkeit; sie werden zu Zeichen des Versagens jeglichen Schutzes. So entsteht ein modernes Totem, das die Dichotomie von Kultur und Wildnis nicht etwa auflöst, sondern auf die Spitze treibt: Die Natur wird zur Bühne für die Artefakte der menschlichen Flucht vor eben dieser Natur. Lokale Hinweise wie die Beschilderung zum „Diebricher Hof“ oder ein kleines Frosch-Symbol verankern diese poetische Entfremdung in einer spezifischen Topographie und evozieren die amphibische Natur der Schwelle – einen Ort der Metamorphose, den dieser Kunstraum erzwingen will.

Letztlich erweist sich Hardys Eingangsinstallation als brillante, wenn auch provokante Manifestation der Land Art im Zeitalter der Konsumgüter. Das Werk sucht keine harmonische Symbiose, sondern behauptet sich als notwendige Narbe in der Landschaft. Es ist der visuelle Beweis dafür, dass der moderne Mensch seine ästhetischen Fixpunkte stets mit sich führt, selbst wenn er das Terrain des Ursprünglichen betritt. Die Spontaneität der Anbringung kaschiert dabei nur mühsam die tief sitzende philosophische Frage: Können wir die Natur überhaupt noch betreten, ohne sie mit dem Stempel unserer eigenen Künstlichkeit zu versehen? Die Regenschirme, die in den Straßen von Paris oder Marrakesch kaum auffallen würden, werden hier zu einem zynischen Monument, das den Triumph des urbanen Egos über die organische Gleichgültigkeit zelebriert. Es ist genau diese Artikulation des Unbequemen, die den Eintritt in das Festival so bedeutsam macht.


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