Firouzeh Görgen-Ossouli – Mitgehangen

Photo by:

Oliver Strömer

Firouzeh Görgen-Ossouli

Koblenz / Deutschland/Iran

Titel:

Mitgehangen

Year:

2022 @Forestival

Mitgehangen – Zur Installation von Firouzeh Görgen-Ossouli

Der Wald trägt die Last einer Stille, die nicht natürlich ist. In der Lindenallee, zwischen den Linden, die auch in unserer Region früher oft die Galgenbäume waren, wuchern keine Farne, sondern geometrische Albträume: Zylinder aus Schwarz und Weiß, an Hanfseilen aufgehängt, jeder gekrönt von einem Henkersknoten. Das ist nicht Naturpoesie. Das ist eine Peinigung der Landschaft durch Wahrhaftigkeit.

Firouzeh Görgen-Ossouli lebt in Deutschland und ist immer noch mit dem Iran mental verbunden. Diese Dualität der Existenz durchzieht ihr gesamtes künstlerisches Denken – nicht als tragisches Schicksal, sondern als eine unaufgelöste Präsenz, die in jedem Werk nachhallt. Hier, in dieser Installation, hat sie nicht ein Kunstwerk aufgehängt – sie hat einen Anklagesatz in den Wald gehängt. „Mitgehangen“ lautet der prägnante Titel, und die Doppelsinnigkeit ist beabsichtigt: mitgehangen als Komplizin, als Zeugin, als diejenige, die nicht schweigen kann, obwohl eine eigene Sicht der Dinge oder Kritik im Iran tödlich sein kann.

Was zunächst als ästhetisches Problem erscheint – die Spannung zwischen der «organischen» Ruhe des Waldraums und der künstlichen Härte der Zylinder – offenbart sich sofort als ethisches Problem. Die Zylinder sind keine abstrakten Formen. Sie sind Körper. Entmenschlichte, reduzierte, geometrisierte Körper. Jeder ist ein Phantom derjenigen, die im Iran für ihre Andersartigkeit, ihre sexuelle Orientierung, ihre Kritik hingerichtet wurden. Die Installation instrumentalisiert die Entmenschlichung nicht, um sie zu beschönigen – sie exponiert sie. Sie zwingt sie ins Waldlicht.

Die formale Genialität liegt in der Farbdramaturgie: Schwarz und Weiß, mit den Mustern von Birkenrinde überlagert. Das ist nicht bloß Kontrast; das ist die visuelle Manifestation von Dogmatismus selbst. Schwarz-Weiß-Denken, das keinen Raum dazwischen duldet, keine Grauzone, keine Ambivalenz, keine Menschlichkeit. Görgen-Ossouli zitiert die Rhetorik der Unterdrückung durch ihre Farbwahl. Die Baumrinde-Texturen – diese täuschende Natürlichkeit auf dem Kunststoff – sind eine subtile Perversion: eine Lüge der Harmonie, aufgedruckt auf Artefakte der Vernichtung.

Das diffuse Waldlicht, das durch das Blätterdach fällt, hätte diese Installation sanft machen können. Stattdessen betont es die Grausamkeit durch Zärtlichkeit. Es ist die ästhetische Strategie des Horrors: Je schöner die Umgebung, desto unerträglicher die Störung. Die hängenden Zylinder sind Fremdkörper, ja – aber nicht wie ein Kunstwerk in der Natur, sondern wie ein Mord im Sonnenlicht. Sie verweigern sich jeder Versöhnung mit ihrer Umgebung. Sie wollen nicht harmonieren. Sie sollen widersprechen.

Die rituelle Anordnung – eine Art Kreis um den zentralen Baumstamm, eine Mandala aus Todesfällen – evoziert gleichzeitig Grabmal und Hexenring. Hier wird nicht getrauert, hier wird bezeugt. Der Henkersknoten an jedem Seil ist keine dekorative Referenz; er ist das äußerste Minimum an Eindeutigkeit. Ein semiotisches Faktum. Die Künstlerin sagt nicht: „Das könnte bedeuten.“ Sie sagt: „Das ist das Werkzeug des Staates.“

Was die Rezeption dieses Werkes im deutschsprachigen Raum besonders verstörend macht, ist eine Erkenntnis, die Görgen-Ossouli unbarmherzig enthüllt: Wir können den Wald wegsehen. Wir können an den Zylindern vorbeigehen. Wir können das Werk fotografieren und in Galerien ausstellen und es dabei entschärfen – in genau der Weise, wie autoritäre Regime die Stimmen ihrer Kritiker entschärfen. Durch Ignoranz. Durch ästhetische Domestizierung. Durch Schweigen.

Die „unheimliche Stille“ des Waldraums ist daher das eigentliche Medium. Es ist nicht die Stille der Natur, die heilt und beruhigt. Es ist die Stille des Todes. Es ist die Stille derjenigen, die hängen. Es ist jene lähmende Stille, die entsteht, wenn ein Staat spricht und alle anderen verstummen müssen.

Görgen-Ossouli stellt sich hier den ästhetischen und ethischen Fragen der politischen Kunstintervention: Wie lässt sich Gewalt darstellen, ohne sie zu ästhetisieren? Wie nutzt man die Schönheit der Natur als Zeugin für menschliches Leid, ohne dabei in sentimentale Nostalgie zu verfallen? Im Gegensatz zu monumentalen Arbeiten, die die Landschaft als bloßen Untergrund instrumentalisieren, lädt Görgen-Ossouli den Waldraum selbst mit einer moralischen Präsenz auf. Die Bäume, die Luft, das Licht – sie alle werden zu Mitangeklagten und Zeugen zugleich.

Was bleibt, ist eine fundamentale Frage: Kann ein Kunstwerk im Wald hängend die Machtlosigkeit des Künstlers vor einer Wirklichkeit ausgleichen, die es weitermacht – die Hinrichtungen, die Unterdrückung, das Schweigen? Görgen-Ossouli antwortet darauf implizit: Nein. Aber das Kunstwerk kann bezeugen. Es kann die Stille brechen, indem es sich selbst in Stille aufhängt. Es kann sichtbar machen, indem es die Sichtbarkeit selbst verfälscht.

„Mitgehangen“ fordert von uns, dass wir nicht nur sehen, sondern auch mitverantworten. Die Installation verweigert Trost. Sie verweigert ästhetische Versöhnung. Sie hängt da – zwischen Lindenbäumen, zwischen zwei Ländern, zwischen der Möglichkeit zu sprechen und der Notwendigkeit zu schweigen – und zwingt uns, diesen unlösbaren Widerspruch auszuhalten. Das ist ihr kritisches Vermögen: nicht die Natur zu unterbrechen, um sie schöner zu machen, sondern sie zur Mitwisserin zu erklären für alles, was der Staat vergessen machen will.


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