Jan Schröder – Zerbrochene Träume

Photo by:

Jean

Jan Schröder

Bendorf / Germany

Titel:

Zerbrochene Träume

Year:

2021 @Forestival

Die Haltung des Waldes

Jan Schröders Skulptur Zerbrochene Träume ist keine pastorale Dekoration, sondern eine existenzielle Intervention in das Dickicht des Forestival. Die Figur, ein Torso aus verbranntem Nussbaumholz, wächst nicht einfach im Wald, sie wuchert aus ihm hervor. Sie ist ein Fremdkörper, der sich nicht einschmeichelt, sondern eine scharfe Ambivalenz in die grüne Idylle schneidet.

Beim Betreten der Lichtung kollidiert die blickdichte Fülle des Waldes mit der scharfen Kante von Schröders Skulptur. Das Werk verwehrt sich der leichten Lesart als Naturkunst. Wo die Umgebung in ein rhizomatisches Geflecht aus Leben und Verfall übergeht, steht Schröders Schöpfung als archaischer Monolith. Die Atmosphäre ist nicht idyllisch, sondern von einer beklemmenden Wucht. Die Figur strahlt eine tiefe Isolation aus, gefangen zwischen den Zyklen des Werdens und Vergehens, ein Zeuge alter, vergessener Geschichten, der in den Waldboden einzusinken droht. Der Kontrast zwischen dem satten, fast giftigen Grün des Waldes und dem tiefen, rußgeschwärzten Holz der Skulptur erzeugt eine visuelle Ätzung – das organische Leben umfängt das entropische Fragment. Es ist eine Begegnung mit dem Unheimlichen, mit einem Echo des Menschlichen in einer feindseligen, indifferenten Umgebung.

Die Materialität ist der Schlüssel zur Deutung. Schröder hat das Nussbaumholz nicht glattgeschliffen; er hat es geflammt, mit Ruß behandelt und seine Oberfläche roh belassen. Diese Technik ist kein bloßes Handwerk, sondern eine rituelle Bearbeitung. Die Textur des Torsos ist eine Narbe: verkohlt, rissig, von Verfall gezeichnet. Das Holz selbst erzählt eine Geschichte von Zerstörung und Transformation. Die Skulptur ist site-specific, untrennbar verbunden mit ihrem Sockel, dem Baumstumpf, aus dem sie emporsteigt. Doch anstatt eine Symbiose zu schaffen, akzentuiert diese Komposition die tragische Dualität. Der Baumstumpf repräsentiert das Ende eines natürlichen Lebenszyklus; die Figur, die ihm entsteigt, ist eine Ambivalenz von Wiedergeburt und Gefangenschaft. Sie ist ein Echo des menschlichen Schmerzes, der sich in die materielle Realität des Waldes einschreibt.

Die Ikonografie des Torsos bricht mit dem traditionellen Heldenmythos. Schröders Torso ist kein Ideal, sondern ein Fragment, das die menschliche Identität auf ihre Essenz reduziert: Unvollständigkeit. Das Werk ist ein tiefenpsychologisches Statement über die Dissoziation, die zerbrochene Psyche des modernen Menschen. Der hochgereckte Arm ist die zentrale Chiffre der Skulptur. Es ist eine Geste der Erhebung, die zugleich Flehen, Verzweiflung und Widerstand ausdrückt. Das menschliche Subjekt, gefangen in seinem hölzernen Kerker, greift vergeblich nach einem Ideal, einem verlorenen Traum. Die Figur ist ein moderner Waldgeist, ein archaisches Totem, das die spirituelle Leerstelle zwischen Kultur und Wildnis füllt.

Zerbrochene Träume ist ein Spiegel, der die menschliche Hybris im Angesicht der Natur reflektiert. Das Werk verwehrt sich der romantischen Verklärung des Waldes als Ort der Heilung. Stattdessen konfrontiert es den Betrachter mit der unerbittlichen Dualität von Leben und Schmerz. Die Skulptur ist ein stummer Schrei, ein Mahnmal für Vergänglichkeit und die Fragmentierung der menschlichen Existenz. Jan Schröders Kunst entlarvt die Idee der unberührten Natur als Illusion; der Wald ist hier keine Flucht, sondern eine Arena, in der die Tragödie des Menschseins in monumentaler Stille ausgetragen wird.


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