Loris Behanzin – o.T.

Photo by:

Oliver Strömer

Loris Behanzin

Köln / Germany/Benin

Titel:

o.T.

Year:

2022 @Forestival

DIE BEGEGNUNG

Man trifft Loris Behanzins „o.T.“ nicht, man wird von ihm überfallen. Die Leinwand, dieses 80×80 cm große Laboratorium des Affekts, steht im Raum wie ein Signalfeuer, das seine eigene toxische Atmosphäre aussendet. Der erste Blick ist ein Kurzschluss: Hier manifestiert sich keine Naturästhetik, sondern deren aggressives Widerbild. Die kindliche Unschuld, die man den ersten Kritzeleien zuschreiben möchte, erweist sich sofort als archaische Maske, unter der die primitive Triebkraft pocht. Das Werk ist kein stilles Objekt; es ist ein visueller Lärmausbruch, der die Zivilisationshaut des Betrachters augenblicklich perforiert und ihn in den fiebrigen Sog seines eigenen inneren Sturms zieht. Es ist die Stille, die durch diesen visuellen Vulkanausbruch entsteht, die wirklich beunruhigt – die Pause, die das System nach der Konfrontation mit dem eigenen Unbewussten einlegt.

ANATOMIE DES FREMDKÖRPERS

Die Materialität des Werkes spricht eine Sprache der sofortigen, ungeschminkten Virulenz. Die Drips, die wie künstliche Tränen oder der Schweiß eines Fieberanfalls über die Fläche laufen, sind das Zeugnis einer prozesshaften Entropie. Das künstliche Licht, das die Farbpalette durchdringt, ist das Licht eines Neonschilds, das in einem Waldstück aufgestellt wurde: giftig, synthetisch, präzise. Insbesondere das leuchtende Blau der Figur wirkt klinisch kalt, ein Antiseptikum, das versucht, die brennenden Rots und Neongelbe des Hintergrunds zu neutralisieren, aber dabei nur die Dissonanz steigert. Die schwarzen, shaky Umrisslinien – das Skelett der Komposition – sind keine Konturen, sondern seismographische Linien, die die tektonische Verschiebung zwischen der flachen, posterartigen Oberfläche und der tiefen, psychischen Unruhe markieren. Die Figur ist eine Synthese aus Polymer und Wut, ein biologisch unmögliches Wesen, dessen pastoser Duktus die Vergänglichkeit des Farbstoffs selbst zelebriert, während es versucht, sich mit der Ewigkeit des Bildes zu vermählen.

METAPHYSIK & SYMBOLIK

Die hybride Kreatur ist das moderne Totem der Fragmentierung. Sie verweigert die Kategorisierung, weil sie die Synthese dessen darstellt, was die aufgeklärte Subjektivität zu verbergen sucht. Die zentralen Augen sind der Knotenpunkt dieser Metaphysik: Das vermilionrote Auge, der Eros, die ungezügelte Lebenskraft, blickt auf die Welt mit animalischer Intensität. Das kühle Blau dagegen ist die Ratio, die distanzierte, fast schon klinische Beobachtung des eigenen Verfalls. Diese Dualität der Wahrnehmung ist die Tragödie des zeitgenössischen Selbst. Die schwebenden, teal-farbenen Sphären über dem Kopf sind keine Gedanken, sondern kulturelle Artefakte, die das Bewusstsein belasten – eine Aura aus Datenmüll und ungelösten Fragen, die schwerer wiegt als der Schädel selbst. Das zackige Grinsen, das aus der organischen Struktur der Leinwand geschnitten scheint, ist die Freude am Chaos, die befreite, unheimliche Erkenntnis, dass Ordnung nur eine temporäre Illusion ist, die jederzeit vom primal-aggressiven Impuls übermalt werden kann.

DAS NATUR-PSYCHOLOGISCHE FAZIT

Behanzins Werk operiert jenseits der Land Art, die die Natur zähmen oder feiern will. Es ist vielmehr eine kulturelle Inokulation gegen die bequeme Harmonie. Die figurale Manifestation ist der Mensch selbst, wenn er sich seiner eigenen, rhizomatischen Struktur gewahr wird – weder Herrscher noch Teil des Ökosystems, sondern ein psychischer Parasit, der sein eigenes Chaos in die Welt projiziert. Die Assoziation mit Basquiat ist hier nicht nur stilistisch, sondern philosophisch zwingend: Der Künstler legt die „Krone“ des weißen, westlichen Subjekts ab und enthüllt darunter das wilde, polychrome Archiv des Unbewussten. „o.T.“ ist somit eine beunruhigende Wahrheit: Die wahre Wildnis liegt nicht mehr im Wald, sondern in der zerrissenen, elektrischen Energie unserer eigenen Perzeption. Es ist eine meisterhafte Studie in der Ästhetik des Durchbruchs, ein greller, aber notwendiger Eingriff in die Seelenlandschaft des 21. Jahrhunderts.


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