Manuel van der Veen – Rucksack

Photo by:

Jonas Mueller-Arnheim

Manuel van der Veen

Berlin / Germany

Titel:

Rucksack

Year:

2021 @Forestival

MANUEL VAN DER VEEN: RUCKSACK (2021)

DIE BEGEGNUNG (ATMOSPHÄRE)

Wer das Mittelrheintal durchwandert, erwartet die erhabene Melancholie der Romantik, das sanfte Ineinandergreifen von Schieferfels und wucherndem Grün. Doch Manuel van der Veens Installation Rucksack (2021) bricht radikal mit dieser Erwartungshaltung. Mitten in der Topografie des Tals, dort, wo die Natur ihre eigene, archaische Zeitrechnung aus Farnen und Verwitterung diktiert, liegt ein Artefakt, das jede organische Ordnung verweigert.

Es ist kein vergessenes Utensil eines Wanderers, kein weichgewordenes Relikt aus Nylon und Schweiß. Dieses Objekt ist ein geometrischer Übergriff. Es behauptet sich nicht durch Anpassung, sondern durch eine fast schon arrogante Statik. In der diffusen Beleuchtung eines bewölkten Sommertages wirkt dieser blecherne Fremdkörper wie ein metallischer Seufzer der Zivilisation, der im Unterholz hängengeblieben ist.

Er ist ein erratischer Block des Anthropozäns, der die Umgebung nicht ergänzt, sondern sie als Kulisse instrumentalisiert. Die Stille, die das Werk umgibt, ist nicht friedlich; sie ist das Resultat eines ästhetischen Schocks, die Momentaufnahme einer abrupt unterbrochenen Erzählung.

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ANATOMIE DES FREMDKÖRPERS (FORM & MATERIAL)

Die Materialität des 80×40 cm großen Objekts bricht radikal mit dem Versprechen der Wildnis. Van der Veen nutzt Edelstahl-Blech, ein Werkstoff der industriellen Präzision, und unterwirft ihn einer harten, geometrischen Kantung. Während die Natur um das Werk herum rhizomatisch wuchert, sich in Fraktalen verliert und in ständiger Metamorphose begriffen ist, verharrt der Rucksack in seiner unnachgievige Form.

Die Oberfläche ist nicht gewachsen, sondern konstruiert; sie ist lackiert und spiegelt das diffuse Licht auf eine Weise, die den Wald künstlich überhöht und gleichzeitig entlarvt. Besonders das karmesinrote Signalzentrum des Objekts wirkt wie ein visuelles Exzellenzcluster im ockerfarbenen Einerlei des Waldbodens. Es ist ein giftiges Versprechen von Funktionalität in einer Welt, die keine Funktion mehr braucht.

Während das Laub am Boden dem Prozess der Entropie unterliegt – zerfällt, fault und zu neuem Leben wird –, simuliert dieser Blechkörper eine Ewigkeit, die der Natur fremd ist. Es ist die Hybris des Materials: Rostfrei, unbelebt und doch von einer verstörenden Präsenz, die wie ein technogener Parasit im Tal siedelt, fest verankert an einem Zaunpfahl, der die Grenze zwischen Domestizierung und Wildnis markiert.

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METAPHYSIK & SYMBOLIK

Psychologisch betrachtet ist der Rucksack das ultimative Symbol der Last, der Vorbereitung und der Mobilität. Er ist das Gehäuse unserer Bedürfnisse, das mobile Heim des modernen Nomaden. Van der Veen dekonstruiert dieses Symbol, indem er es seiner Funktion beraubt und es als hohles, unbewegliches Totem in die Landschaft wirft.

In diesem liminalen Raum zwischen Zivilisationsmüll und Hochkultur wird der Rucksack zur psychischen Projektionsfläche. Er verkörpert die Last, die der Mensch in die Natur schleppt – nicht nur physisch, sondern auch ideologisch. Das Objekt wirkt wie ein Readymade, das seinen Geist aufgegeben hat.

Die geometrischen Kanten wirken wie archaische Runen einer Gesellschaft, die verlernt hat, sich fließend zu bewegen. Das künstliche Rot fungiert hier als Schmerzpunkt, als Warnsignal, das die Abwesenheit des Trägers nur noch schmerzhafter betont. Es thematisiert die Fragmentierung der modernen Identität: Was bleibt übrig, wenn der Wanderer verschwindet? Nur die starre Hülle, die unbewegliche Last, die im krassen Gegensatz zur fließenden Bewegung der Natur steht.

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DAS NATUR-PSYCHOLOGISCHE FAZIT

Manuel van der Veens Installation ist eine brillante Provokation im Kontext der Land Art. Sie ist weder eine Versöhnung noch eine bloße Dekoration des öffentlichen Raums. Der Rucksack im Tal fungiert als ein Spiegel des menschlichen Egos, das sich selbst im tiefsten Wald noch über seine technischen Erzeugnisse definieren muss.

Er ist eine Mahnung vor der Unzerstörbarkeit unserer materiellen Hinterlassenschaften und gleichzeitig ein Grabmal für die Idee der unberührten Natur. In der radikalen Künstlichkeit des Blechs erkennen wir unsere eigene Entfremdung. Das Werk heilt nicht, es seziert das Verhältnis zwischen dem technologischen Selbst und dem organischen Raum.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wir sind Besucher, die ihre harten Schalen zurücklassen, während die Natur schweigend versucht, diesen metallischen Eindringling zu umschließen – ein ewiger Kampf zwischen der unerbittlichen Geometrie des Menschen und der geduldigen Anarchie des Wachstums.


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